Football Saturday
Es war kurz nach vier, als Arjun den Müll hinunterbrachte und vor dem Haus Minh begegnete. Minh, der Hausmeister, trug ein rot-weißes Trikot und hatte es offensichtlich eilig.
„Na, haste Lust auf Fußball?“, rief Minh ihm zu. „Leipzig spielt, is grad Halbzeit, null zu null. Die Kneipe ist gleich um die Ecke.“
Arjun verzog das Gesicht. In den knapp zwei Jahren, die er inzwischen in Leipzig lebte, war es ihm gelungen, Fußball komplett zu ignorieren. „Ehrlich gesagt finde ich Fußball ziemlich langweilig“, sagte er. „Bei uns in Indien dreht sich alles um Cricket.“ „Ach komm, is doch nur 'ne Stunde“, sagte Minh.
Arjun seufzte. „Eine Stunde. Keine Minute länger.“
Die Kneipe war warm, laut und so voll, dass man kaum durch die Tür kam. Auf einem riesigen Bildschirm lief die zweite Halbzeit, und fast alle Gäste trugen die Vereinsfarben. Minh besorgte zwei Bier und ergatterte die letzten beiden Plätze an einem langen Holztisch.
Kaum saßen sie, legte er los wie ein Lehrer am ersten Schultag. „Also: zwei Mannschaften, elf Spieler pro Mannschaft. Wer mehr Tore schießt, gewinnt.“ Arjun warf einen Blick auf die Uhr über der Theke. „Und nach neunzig Minuten ist alles vorbei?“ „Plus Nachspielzeit, ja.“ „Ein Testmatch im Cricket kann fünf Tage dauern“, sagte Arjun. Minh sah ihn an, als hätte er einen schlechten Witz gemacht. „Fünf Tage? Und dabei schläft keiner ein?“ „Manche schon“, gab Arjun zu.
Um sie herum wurde jede Szene laut kommentiert, und zwar in einer Sprache, die in keinem Lehrbuch stand. „Schiri, wo hast du deine Brille?“, brüllte ein Mann mit Schal. „Wer ist dieser Schiri?“, fragte Arjun. „Der Schiedsrichter“, sagte Minh. „Aber so nennt ihn hier keiner. Für alle ist er einfach der Schiri, und meistens ist er schuld.“
Kurz darauf sprang eine Frau auf. „Abseits! Das war doch glasklar Abseits!“ Als Arjun fragte, was das bedeute, schob Minh zwei Biergläser und einen Salzstreuer über den Tisch. „Pass auf. Das ist der Ball, das sind die Verteidiger, und wenn der hier im Moment des Passes …“ Nach zwei Minuten verlor er den Faden. Ein älterer Herr vom Nachbartisch kam ihm zu Hilfe, dann noch eine junge Frau. Bald diskutierte der ganze Tisch, wobei jeder etwas anderes behauptete. Arjun lehnte sich zurück und lachte. „Keine Sorge. Beim Cricket gibt es auch Regeln, die außer den Schiedsrichtern niemand wirklich versteht.“
Die Minuten vergingen, und es stand immer noch null zu null. Irgendwann merkte Arjun, dass er seit einer halben Stunde nicht mehr auf die Uhr geschaut hatte. Er fieberte längst mit. In der 89. Minute bekam ein Leipziger den Ball, lief allein auf das Tor zu und schoss.
Die ganze Kneipe explodierte. Und wer schrie am lautesten „Tor!“? Ausgerechnet der Mann, der eine Stunde zuvor Fußball noch langweilig gefunden hatte. Dabei riss Arjun sein Bier um, das sich zielsicher über Minhs Trikot ergoss.
Der ältere Herr klopfte ihm auf die Schulter. „Den haben wir, der ist jetzt einer von uns!“ Minh wischte sich das Bier vom Bauch und lachte trotzdem. Wenige Minuten später war Schluss – eins zu null für Leipzig.
Als sie nach Hause gingen, wurde es schon dunkel. „Nur 'ne Stunde, hm?“, sagte Minh. „Und? War's so langweilig wie befürchtet?“ „Kein bisschen“, gab Arjun zu. „Ich habe heute drei Wörter gelernt: Schiri, Abseits und Tor. Nur das zweite verstehe ich immer noch nicht.“ Minh zuckte mit den Schultern. „Unter uns: Ich auch nicht.“
Vor der Haustür blieb Arjun stehen und sah auf seinem Handy nach, wann Leipzig wieder spielte. Samstag, halb vier. „Gut“, sagte er und steckte das Handy weg. „Am Samstag schauen wir zusammen Fußball.“