Why is it so quiet on Sunday?
In Deutschland ist der Sonntag ein Ruhetag, und das nimmt man hier ziemlich ernst. Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen, und in den Wohnhäusern macht man keinen Lärm. Ich habe das an meinem ersten Sonntag in Leipzig gelernt, mit einem Staubsauger in der Hand. Eine Woche zuvor war ich in die Wohnung im dritten Stock gezogen.
Das Haus ist ein Altbau mit hohen Decken und knarrenden Dielen. Zwischen den Kartons lag noch der Staub vom Umzug. In wenigen Tagen sollte meine Arbeit im Krankenhaus beginnen. Zu Hause in Brasilien war der Sonntag bei uns ein Tag für die Familie und lange Mittagessen.
Aber auch die Hausarbeit gehörte ganz selbstverständlich dazu. Es kam mir also völlig vernünftig vor, den freien Vormittag zum Putzen zu nutzen.
Gegen zehn Uhr schaltete ich den Staubsauger ein und fing im Flur an. Ich war mit dem Flur kaum fertig, als es klingelte.
Vor der Tür stand eine ältere Dame, die mich freundlich, aber sehr bestimmt ansah. „Guten Morgen, Becker, erster Stock. Könnten Sie das Gerät bitte ausschalten?“ „Oh, das tut mir leid.
Ich bin Sofia und wohne seit letzter Woche im dritten Stock. Ist es bei Ihnen unten wirklich so laut?“ „Ich persönlich höre nicht mehr besonders gut“, sagte sie trocken, „aber dieses Haus hört alles.“ Sie bat mich, mit nach unten zu kommen, wo neben den Briefkästen die Hausordnung hing.
„Während der Ruhezeiten ist jede vermeidbare Lärmbelästigung zu unterlassen. Ruhezeiten: werktags 13 bis 15 Uhr und 22 bis 6 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ganztägig.“ Ich las den ersten Satz zweimal und musste trotzdem nachfragen, was „zu unterlassen“ genau bedeutet. „Dass man es lassen soll“, erklärte Frau Becker, und zum ersten Mal lächelte sie ein wenig.
Später erfuhr ich, dass sie früher Lehrerin gewesen war, zuerst noch in der DDR. „Der Sonntag ist bei uns nicht nur Tradition, er steht sogar im Grundgesetz“, sagte sie. „‚Als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung‘, so heißt es dort wörtlich. Deshalb haben die meisten Geschäfte am Sonntag geschlossen.“
„Dann bringe ich meine Flaschen heute wohl auch nicht zum Altglascontainer“, sagte ich. „Richtig, Einwurf nur werktags, so steht es auf dem Container.“ „Und wenn ich heute frisches Brot möchte, muss ich bis Montag warten?“ „Keineswegs.
Bäckereien dürfen sonntags ein paar Stunden öffnen, die an der Ecke bis elf. Und am Hauptbahnhof bekommen Sie den ganzen Tag wenigstens Reiseproviant.“ Um Viertel vor elf stand ich in der Bäckerei, wo die Verkäuferin schon die Körbe zusammenräumte. „Da haben Sie aber Glück gehabt, sonntags schließen wir um elf“, sagte sie.
Ich kaufte vier Brötchen, zwei davon für Frau Becker, und klingelte auf dem Rückweg bei ihr. Frau Becker sah die Tüte so lange an, dass ich schon wieder unsicher wurde. „Mein Mann hat sonntags immer die Brötchen geholt“, sagte sie schließlich leise. „Seit er nicht mehr da ist, habe ich das einfach gelassen.
Kommen Sie doch heute Nachmittag auf einen Kaffee, ich habe noch Kuchen.“ Seitdem hängt an meinem Kühlschrank ein Zettel, eine Art Hausordnung in meiner eigenen Handschrift. Darauf steht nur ein Satz: „Am Sonntag macht man keinen Lärm.“