The First Lantern Walk
Am 11. November begann der Tag mit einem Lied. Deniz saß mit Marmelade am Kinn am Frühstückstisch. Zum dritten Mal sang er: „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.“ Heute Abend war sein erster Laternenumzug, und seit Tagen sprach er von nichts anderem.
Ich summte die Melodie mit, so gut es ging, und versuchte es mit dem Text. „… und meine Laterne mit dir.“ Deniz legte den Löffel hin und sah mich an wie eine Lehrerin, die denselben Fehler zum zweiten Mal korrigiert. „Mit mir, Mama.“
Der Text hing seit einer Woche am Kühlschrank, auf der Rückseite eines Elternbriefs der Kita. Ich hatte das Blatt jeden Morgen gesehen, aber gelesen hatte ich nur die Vorderseite.
„Liebe Eltern, am Mittwoch, dem 11. November, findet unser traditioneller Laternenumzug statt. Treffpunkt ist um 17 Uhr vor dem Haupteingang. Bitte ziehen Sie Ihre Kinder wetterfest an. Aus Sicherheitsgründen verwenden wir ausschließlich elektrische Laternenstäbe, keine offenen Flammen. Den Liedtext finden Sie auf der Rückseite, damit alle mitsingen können.“
Damit alle mitsingen können. Der Satz traf mich mehr, als ich erwartet hatte. Meine Mutter hatte mir in Izmir jeden Abend vorgesungen, und ich kann diese Lieder bis heute auswendig. In Deniz' Welt dagegen gab es Lieder, die ich nicht kannte. Dort kam ich mir manchmal vor wie ein Gast, der höflich lächelt.
Also nahm ich den Elternbrief mit zur Arbeit. In der Straßenbahn las ich die Strophen, bis ich sie halbwegs im Kopf hatte. In der Mittagspause sang ich sie halblaut vor mich hin. Meine Kollegin Katrin sah von ihrem Salat auf. „Laternenumzug? Zieh dich warm an, Elif. Und nimm Taschentücher mit. Beim ersten Umzug weinen alle Eltern.“
Um fünf war es dunkel, und der Atem stand in kleinen Wolken vor den Gesichtern. Vor der Kita warteten Dutzende Familien, und überall leuchteten Laternen: Monde, Sterne, ein etwas schiefer Fisch. Deniz trug seine rote Laterne, die er selbst gebastelt hatte, als wäre sie aus Glas.
Als sich der Umzug in Bewegung setzte, sangen die Kinder aus voller Kehle. Ich dagegen bewegte nur die Lippen, aus Angst, an der falschen Stelle „dir“ statt „mir“ zu singen.
Neben mir ging eine Frau mit einem Baby im Tragetuch, die ebenfalls schwieg. Irgendwann beugte sie sich zu mir. „Ich muss gestehen, ich kenne nur die erste Strophe“, flüsterte sie. „Dabei bin ich in Dresden aufgewachsen und habe das jedes Jahr gesungen.“ „Und ich dachte, ich wäre die Einzige“, sagte ich. „In der Türkei gibt es so etwas nicht.“ „Dann sind wir schon zu zweit“, sagte sie und grinste.
Jede Strophe endete mit denselben drei Wörtern, die nichts bedeuten und gerade deshalb niemandem Angst machen: „Rabimmel, rabammel, rabumm.“ Beim dritten Mal sang ich sie laut mit, und die Frau neben mir auch. Deniz drehte sich um, und die Laterne schwankte gefährlich. „Mama, du singst ja!“
Katrin hatte übrigens recht gehabt mit den Taschentüchern.
Zu Hause schlief Deniz beinahe schon beim Zähneputzen ein. Im Bett fragte er mit halb geschlossenen Augen: „Gehen wir nächstes Jahr wieder?“ „Auf jeden Fall“, sagte ich. „Und dann kann ich alle Strophen.“ Ich machte das Licht aus und blieb einen Moment in der Tür stehen. Dann sagte ich leise, mehr zu mir als zu ihm: „Nächstes Jahr singe ich mit.“