First Day on the Ward
Am Montag um 5:40 Uhr stand Sofia vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Es war noch dunkel, und ihre Hände waren kalt. In zwanzig Minuten sollte ihre erste Schicht in Deutschland beginnen.
In Brasilien hatte Sofia vier Jahre als Krankenschwester gearbeitet, zuletzt auf einer Station für Herzpatienten. In Deutschland durfte sie noch nicht als Pflegefachfrau arbeiten, weil ihre Anerkennung nicht abgeschlossen war. Deshalb stand auf ihrem neuen Namensschild ein Wort, das sie nicht mochte: „Pflegehelferin“.
Im Stationszimmer hing der Dienstplan. Neben ihrem Namen stand ein F: Frühdienst, 6 bis 14 Uhr. Ein Kollege mit einer bunten Brille kam auf sie zu. „Du musst Sofia sein.
Ich bin Jonas. Komm, die Übergabe fängt an.“
Bei der Übergabe berichtete die Kollegin vom Nachtdienst über jeden Patienten. Sie sprach schnell und benutzte Abkürzungen, die Sofia noch nie gehört hatte. „Zimmer 4, Frau Lehmann, BZ gut, mobil mit Rollator …“ Sofia schrieb, so schnell sie konnte. Aber am Ende stand auf ihrem Zettel nur die Hälfte.
Danach fasste Jonas ihr alles im Laufschritt zusammen. Sofia nahm ihren Mut zusammen. „Entschuldigung, können Sie das bitte wiederholen? Ich habe nicht alles verstanden.“
Jonas grinste. „Gern. Aber nur, wenn du mich duzt. Auf Station sagen alle du. Nur zum Chefarzt nicht.“ Dann erklärte er alles noch einmal, langsam, und schrieb ihr die Abkürzungen auf.
Der Morgen verging schnell. Sofia half beim Waschen, verteilte das Frühstück und machte Betten. In Zimmer 4 hielt Frau Lehmann ihre Hand fest. „Danke, Schwester. Sie sind so ruhig.“ Sofia wollte sagen, dass sie hier noch keine Schwester war. Aber sie lächelte nur und sagte: „Gern geschehen.“
Um zwölf saß das halbe Team in der Kantine. „Und, wie war dein Morgen?“, fragte Jonas. „Anstrengend, aber schön“, sagte Sofia. „Können Sie mir morgen …“ Sie unterbrach sich und lachte. „Kannst du mir morgen die Abkürzungen noch einmal erklären?“ „Siehst du“, sagte Jonas. „Du lernst schnell.“
Am Abend fand sie einen Brief im Briefkasten. Er kam von der Stelle, die ihre Anerkennung prüfte. „Leider sind Ihre Unterlagen nicht vollständig“, stand dort. Darunter folgte eine Liste mit Dokumenten und Wörtern, die sie nicht kannte. Sofia las den Brief dreimal und verstand ihn immer noch nicht ganz.
Unten stand eine Telefonnummer. Sofia telefonierte nicht gern, schon gar nicht auf Deutsch. Am Telefon konnte sie niemandem ins Gesicht sehen. Aber morgen in der Pause wollte sie anrufen. Und einen Satz konnte sie ja schon: „Können Sie das bitte wiederholen?“